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Fichte-Studien

Volume 46, 2018

Das Nichts und das Sein

Raji C. Steineck
Pages 127-150
DOI: 10.5840/fichte20184633

Auf Nichts gebaut
Zum logischen Kern von Nishida Kitarōs Philosophie

Nishida Kitarō (1870–1945) is considered by many as the most important 20th century Japanese philosopher for his ability to employ modern concepts and terminologies, and use them to construct a unique system carrying a distinctly East Asian flavour. In this system, the notion of nothingness plays a fundamental part both in terms of epistemology and ontology. While this conceptual choice was also inspired by Buddhist sources, Nishida also drew on the theoretical philosophy of Hermann Cohen to elaborate, how nothingness could function as both the guarantor of unity and generator of plurality. Close analysis, however, shows that Nishida’s appropriation of Cohen’s concept of the me on as a necessary feature in the „logic of pure knowledge“ sheds the constraints carefully put in place by Cohen. As becomes evident in a comparison between both thinker’s analysis of sensation, Nishida’s unrestricted use of Cohen’s terms collapses precisely those distinctions that give sensation its meaning in the rational assessment of reality. This leaves Nishida’s concept of reality without the critical potential to distinguish between different kinds of normativity and their inter-subjective validity. Nothingness, as Nishida uses the term, is not a logical concept, but functions as an aesthetic symbol invoking sublime ideas of a perfect reality that is one and whole, and at the same time rich and diverse. Nishida Kitarō (1870–1945) gilt vielfach als der bedeutendste japanische Philosoph des 20. Jahrhunderts, wenn nicht generell. Zu dieser Einschätzung trug seine Fähigkeit bei, Konzepte und Terminologien der modernen Philosophie aufzugreifen und in ein eigenes System einzubauen, das gleichwohl einen besonderen, ostasiatischen Charakter hatte, auf den er sich auch explizit bezog. Fundamental für dieses System wie für seine Apostrophierung als genuin „östlich“ war die zentrale Rolle, die er dem Nichts sowohl in logischer als auch in ontologischer Hinsicht zusprach. In der Ausarbeitung dieser systematischen Funktion machte sich Nishida Überlegungen von Hermann Cohen zur Logik der reinen Erkenntnis zueigen, die er ausweitete und aus dem Gebiet der wissenschaftlichen Erkenntnis auf andere Formen menschlichen Weltzugangs übertrug. Die genauere Analyse zeigt, dass die Inanspruchnahme Cohens problematisch ist, weil Nishida zentrale Unterscheidungen Cohens überspielt. Das Nichts, bei Cohen ein notwendiger Umweg zur Sicherung „reiner“ Begriffe, wird bei Nishida zum Quell begrifflicher Unterscheidung selbst. Die Folgen dieser Hypertrophie des Nichts zeigen sich besonders in der Behandlung der Empfindung, die bei Cohen der bloßen Anzeige des Daseins dient, bei Nishida aber sowohl Dasein als auch Realität begründen soll. Nishidas Begriff von Wirklichkeit ermangelt daher einer fundamentalen kritischen Unterscheidung und bleibt letztlich leer, was jedoch durch den durch Übernahme von systemfremden Theoriestücken geschickt erzeugten Schein einer Fülle von Wirklichkeitsbezügen verdeckt wird. Im Kern ist Nishidas Umgang mit Begriffen ästhetisch. Er bildet mit ihnen keine nachvollziehbaren Theorien, sondern erzeugt gerade mit dem Nichtsbegriff den erhabenen Schein umfassender und lebendig-vielfältiger Einheit – ein Schein, der vielleicht inspirierend wirkt, sich aber theoretisch nicht zu bewähren vermag.